Ein ora-Spender vor Ort in Ruanda

Im April reiste der interessierte Spender Klaus Rüdiger gemeinsam mit ora-Mitarbeiterin Ulrike Fechner nach Ruanda, um sich ein Bild von oras Entwicklungsprojekten vor Ort zu machen. Die Eindrücke, die er dort bekam, prägten den Paten zweier Kinder in Rumänien und Guinea-Bissau gewaltig und führten kurzerhand dazu, dass er auch zum ora-Paten von Didier in Ruanda wurde.

Lesen Sie mehr über die Begegnungen und Erfahrungen in Klaus Rüdigers persönlichem Reisebericht:

In Ruanda kommt die Hilfe an

Eine achttägige Reise nach Ruanda zeigt auf, dass das bevölkerungsreiche Land 24 Jahre nach dem Genozid bereits viel für seine Bevölkerung leisten konnte. Dennoch sind viele Menschen auf externe Hilfe angewiesen, um ein würdiges und selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Der Regen hat den Strassen ziemlich zugesetzt. Im Land der „tausend Hügel“ sucht sich unser Jeep auf den nassen und rotlehmigen Pisten seinen Weg. Manesa, die Leiterin der Community, führt uns zum 15-jährigen Didier und seiner Familie (siehe Bild oben: Mutter Xaverine, Klaus Rüdiger, Didier und seine kleine Schwester, Patenschaftsbetreuerin Florence und Lokalkoordinatorin Manesa (v. li. n. re.)). Kurz vor dem Ziel muss noch ein Nachbar helfen, damit wir das Haus der Familie Cyubahiro zwischen den dicht bewachsenen Feldern und üppigen Plantagen finden.

Wir werden erwartet. Unsere Gastgeber empfangen uns herzlich, wirken aber angespannt. Gemeinsam betreten wir das kleine Haus und lassen uns in einem spärlich möblierten Raum nieder; eine bescheidene Wohnstätte wie Abertausende in dem kleinen zentralafrikanischen Land. Die Familie Cyubahiro gehört zu den 39% der Bevölkerung, welche unter dem ruandischen Existenzminimum leben, d.h. ihnen stehen durchschnittlich weniger als 200.- $ jährlich pro Person zur Verfügung, sind in der Regel einzig auf eigene Ernteerträge angewiesen.

Manesa berichtet, dass Didier schon länger auf Unterstützung wartet. Xaverine, Didiers 50-jährige Mutter, zog ihn und seine drei Geschwister alleine auf. Didiers Vater hat die Familie im Stich gelassen, lebt irgendwo im Nachbarland Uganda. Für die Familie ein Segen! Nach Seitensprüngen steckte er seine Frau mit Aids an, streunte herum, bestahl die eigene Familie, schlug die Mutter und drohte, sie umzubringen. Die schwerkranke und traumatisierte Mutter benötigte immer wieder über längere Phasen Unterstützung, war auf Didiers Hilfe dringend angewiesen. Das rächte sich in der Schule, Didier konnte dem Unterricht nicht mehr folgen und musste zurückgestuft werden. Nach einem Neustart in der zweiten Primarklasse konnte er Versäumtes aufarbeiten und präsentiert uns nun voller Stolz sein Zeugnis. Er lernt gut, ist ein aufgeweckter, interessierter und recht selbstbewusster Junge, unterdessen der Viertbeste in seiner Klasse.

Didiers Familie ist kein Einzelfall in Ruanda. Obwohl heute offiziell 98% der Schulpflichtigen den Unterricht besuchen  und obwohl der zehnjährige, obligatorische Schulbesuch kostenlos ist, müssen die Eltern für die Schuluniform, Schulmaterial, für eventuelle Transportkosten , für Infrastrukturkosten der Schulgebäude und für die Weiterbildung der Lehrkräfte zusätzlich Gebühren bezahlen. Das übersteigt die finanziellen Möglichkeiten nicht weniger Eltern oder alleinerziehender Mütter oder Grossmütter. Somit kämpft die Regierung weiterhin gegen Schulabbruch oder Schulunterbrüche und es muss nicht erstaunen, dass nur ein kleiner Prozentsatz in den Genuss einer sekundären Schulausbildung kommt. Hier können die von ora betreuten Patenschaften gezielt ansetzen. Mit der Sicherstellung des Schulbesuchs wird eine kontinuierliche Ausbildung und damit die spätere finanzielle Unabhängigkeit nachhaltig gefördert.

Lokalkoordinatorin Manesa, Grossmutter, Sandrine, Mutter (v. li. n. re.)

Wie Didier ergeht es vielen anderen Kindern und Jugendlichen, so auch der kleinen Sandrine, die bei ihrer liebenswürdigen Grossmutter lebt. Die Grossmutter wurde ein Opfer der systematischen Vergewaltigungen während des Völkermords von 1994.  Viele Frauen wurden auf diese fürchterliche Weise gezielt mit Aids angesteckt. Sandrine und ihre Grossmutter sind HIV-positiv und erhalten eine Therapie. Die Medikamente werden zwar kostenlos vom Staat abgegeben, setzen jedoch eine einigermassen stabile körperliche Verfassung und ausreichende Ernährung voraus. Fehlen diese, muss die Therapie unterbrochen oder gar abgebrochen werden. Nicht wenige leiden unter dieser extremen Belastung.

Als Sandrine einige Geschenke ihres Paten aus der Schweiz überreicht bekommt, ist das sehr schüchterne Mädchen überglücklich und bewegt. Auch sie zeigt uns ihr Zeugnis, das sehr gute Leistungen in der Schule belegt. Nachdem die 52-jährige Grossmutter mit uns gebetet und für die erhaltene Hilfe gedankt hat, stehen wir noch eine Weile vor dem Haus. Unterdessen haben sich einige neugierige Nachbarskinder auf der Strasse versammelt, um einen Blick auf die Musungus (Weissen) zu werfen. Viele dieser Kinder sind in Lumpen gekleidet und spielen mit selbstgebastelten Bällen, alten Reifen oder dem, was auf der Strasse zu finden ist. Von dem Völkermord vor 24 Jahren wissen sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern oder Grosseltern. Dennoch ist das Trauma des Genozids allgegenwärtig.

Kabuga liegt ca. eine Autostunde von der Hauptstadt Kigali entfernt. Als wir dort eintreffen, erfahren wir von einem Massengrab, das gerade in diesem kleinen Ort entdeckt worden ist. Ein Grossteil der ca. 800.000 Opfer des Genozids von 1994 ist bis heute nicht würdig bestattet. Viele wurden irgendwo verscharrt oder in die Flüsse geworfen. Die exhumierten Opfer wurden in den meisten Fällen nicht identifiziert. Somit lastet auf den Überlebenden bis heute die Ungewissheit, was mit ihren Liebsten und ihren Verwandten passiert ist. Wie kann ein Überlebender des Genozids, der selbst noch mit den qualvollen psychischen Belastungen zu kämpfen und eventuell an körperlichen Folgen zu leiden hat, zur inneren Ruhe kommen, wenn es für ihn keinen Ort der Trauer gibt?

In den hundert Tagen des Genozids gegen die Tutsi und die sogenannten gemässigten Hutu hat die internationale Gemeinschaft vollständig versagt. Obwohl die Vereinten Nationen aufgrund der „Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Völkermord“ von 1948 den Sicherheitsrat zum sofortigen Eingreifen gezwungen hätte, verhinderte der UN-Sicherheitsrat eine Intervention und zog sogar die in Ruanda bereits stationierten Blauhelme bis auf eine kleine Truppe aus Ruanda ab. Damit waren die Opfer der radikalen Hutu-Milizen systematischen Folterungen, Demütigungen und hemmungslosen Mordorgien schutzlos ausgeliefert. Es übersteigt jegliche menschliche Phantasie, was die Überlebenden an Erniedrigungen und körperlichen Qualen während des Mordens erleiden mussten. Und als das Morden endete, standen sie vor dem Nichts. Die meisten Familienmitglieder waren umgebracht, ihr Besitz geplündert und das Land befand sich in einem Zustand unbeschreiblicher Konfusion, die technische und soziale Infrastruktur war vollends zusammengebrochen. 300.000 Waisenkinder irrten durch das verwüstete Land, ca. 85.000 Kinder mussten sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, wenn die Eltern ermordet waren, und konnten jahrelang keine Schulen besuchen.

Projektleiter Jean Gakwandi mit seiner Tochter Florence (Patenschaftsbetreuerin)

Zwei Überlebende des Völkermords, Jean und Vivian Gakwandi, begannen, sich um Waisen, Witwen und traumatisierte Überlebende zu kümmern, bauten mit der Unterstützung von ausländischen Hilfsorganisationen ein Netzwerk auf. Die Heilung der psychischen Traumata war der primäre Ansatz, aus dem die 1995 gegründete Organisation „Solace Ministries“ (www.solacem.org) mit ihrem Hauptsitz in Kigali hervorging. Heute betreut Solace Ministries, die Partnerorganisation von ora, im ganzen Land 60 Communities mit bis zu mehreren hundert Mitgliedern. Solace verfolgt einen ganzheitlichen und nachhaltigen Ansatz auf der Grundlage eines biblischen Sozialverständnisses. Die über 50 Mitarbeitenden bieten psychologische Hilfe sowie soziale Unterstützung, um den Weg in ein selbstbestimmtes und finanziell unabhängiges Leben zu fördern: Anleitung, Ausbildung und finanzielle Unterstützung im Bereich Kleintierhaltung, ein Angebot an Arbeitsplätzen in kleinen Handwerkstätten mit eigenen Verkaufsläden, Unterstützung in der medizinischen Grundversorgung, um nur einige Aktivitäten zu nennen.

Wir fahren nach Nyagasambu, hier versammelt sich jeweils am Dienstag die dortige Community. Über 50 Mitglieder, vorwiegend Frauen, treffen sich am Vormittag in einem Kirchenraum, in dem sie singen und beten, Informationen und Erfahrungen austauschen. Die Leiterin der Community, die von der ganzen Gemeinschaft gewählt wird, leitet die Veranstaltung. Eine Überlebende berichtet von ihrem Trauma, welches sie während des Genozids erleben musste. Ihr Mann starb in ihren Armen und ihre emotionalen Wunden brachen erschreckend wieder auf.

Gegen Ende der Veranstaltung berichten viele Frauen von ihren Hühnern, welche sie durch eine Spendenaktion von ora erhalten haben. Spürbare Freude haben die Frauen an den Tieren, auch wenn der Start nicht unproblematisch war und manches Huhn Opfer der hungrigen Adler oder der Wasserfluten während der Regenzeit wurde. Andere Frauen hatten bereits Hühner gezüchtet und verschenkten die Küken an ihre Kolleginnen, die ein Huhn verloren hatten. Insgesamt ist die Aktion sehr überzeugend angelaufen. Die Hühner verbessern die Basisernährung, ermöglichen es den Frauen, auf dem Markt etwas zu verkaufen, und manche Frauen bauten bereits eine kleine Zucht auf.

Für Didiers Familie wäre die Hühnerhaltung ebenfalls wichtig, insbesondere für seine Mutter, damit sie ihren Sohn beim Lernen unterstützen kann. Gegen Ende des Besuchs bei Didiers Familie möchte der 15-jährige vieles über die Schweiz, einzelne Fussballer und vieles andere erfahren. Das weitere Gespräch über seinen Schulweg, seine Kollegen und seine Freizeitvorlieben zeigt einen jungen Mann, der sein Leben an die Hand nehmen wird, wenn die persönlichen Rahmenbedingungen es zulassen. Hier kommt die Hilfe an, dank der engagierten und gezielten Arbeit von Solace Ministries, die jeden einzelnen Begünstigten und seine individuelle Situation kennt. Wir sind überzeugt, oras Partnerorganisation leistet einen engagierten, transparenten und unschätzbaren Beitrag für Ruandas Bevölkerung.

Klaus Rüdiger

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